Schlange stehen für die Zukunftsstadt

Die Auftaktveranstaltung zur Phase 2 „Halle auf dem Weg zur Zukunftsstadt“ zog über 100 Interessierte in die Neustadt


Seit 2015 ist die Stadt Halle Teil des bundesweiten Wettbewerbs Zukunftsstadt. Am vergangenen Freitag wurde nun die zweite Projektphase (01. Januar 2017 – 30. Juni 2018)
mit einem Auftakttreffen im  Herzen von Halle Neustadt eingeläutet. Als Arbeitstreffen angesetzt wurden gemeinsam mit über 100 Vertreter*innen ortsansässiger Initiativen, Organisationen, Schulen, Unternehmen, Parteien erste bedeutende Schritte zur Erarbeitung von Planungs‐ und Umsetzungskonzeptes gemacht. Im Blick standen dabei ein innovativer Bildungscampus Kastanienallee, wohnen, leben, arbeiten in Innovationsquartieren, aktive Mitgestaltung des Lebens- und Wohnumfeldes durch Kunst und Kultur. 

Halle-Neustadt, 24.3.2017. Die 80 bereitgestellten Stühle reichten bei weitem nicht aus. Mehr als 100 Gästen aus den Bereichen Politik, Wirtschaft, Kultur, Wissenschaft und Forschung sowie zahlreiche interessierte Bürger und Bürgerinnen reihten sich geduldig in die Schlange vor dem Mehrgenerationenhaus Pusteblume ein. Alle waren gekommen, um sich nach der Visionsphase 1 auch aktiv und konzeptionell an der zweiten Planungsphase des Projektes Halle auf dem Weg zur Zukunftsstadt 2050 im bundesdeutschen Städtewettbewerb zu beteiligen.  Übergeordnetes Ziel des Projektes ist es, die Großsiedlung Halle‐Neustadt mit dem angrenzenden Wissenschaftspark, Technologie‐ und Gründungszentrum (TGZ) „weinberg campus“ nebst Wohngebiet Heide‐Süd als eines der bedeutsamsten Nachwende‐Konversionsprojekte in Ostdeutschland zu verbinden.

Die Begrüßung aller Teilnehmer*innen erfolgte durch Uwe Stäglin, Leiter des Geschäftsbereiches Stadtentwicklung und Umwelt der Stadt Halle und neben dem Dienstleistungszentrum Wirtschaft und Wissenschaft der Stadt Halle Projektleiter in der Initiative Halle als Zukunftsstadt. Nach der Einführung in die Thematik sowie einer kurze Retrospektive, wurden die einzelnen Aktionsfelder Bildungscampus neu.stadt.campus TeSD (1), frei.raum.mit.gestalten (2) sowie das Innovationsquartier Weinberg‐Süd (3) vorgestellt. Höhepunkt der Veranstaltung war der rege Austausch in den einzelnen Aktionsfeld‐Arbeitsgruppen, die von den Teilnehmer*innen je nach Interessenlage besucht werden konnten. Unter dem Motto Think, Talk & Work wurde teils hitzig miteinander diskutiert und konstruktive Pläne für eine Zukunftsstadt 2050 entworfen.

Aktionsfeld 1: neu.stadt.campus TeSD

Die Arbeitsgruppe zum Aktionsfeld 1 neu.stadt.campus TeSD diskutierte in drei Kleingruppen verschiedene Umsetzungsideen für den Schulkomplex Kastanienallee. Formuliertes Ziel ist es, den Ausbau eines innovativen BildungsCampus in Halle Neustadt zu verwirklichen, der als Schnittstelle zwischen Mensch, Forschung und Gründung fungiert und Chancengleichheit für die Bewohner*innen der Neustadt herstellt.

Neben einer Profildefinierung wurde von den Teilnehmer*innen immer wieder die Notwendigkeit eines Alleinstellungsmerkmales für den BildungsCampus Kastanienallee thematisiert. Als zentrales Ergebnis kristallisierte sich der Wunsch nach einem MINT-Profil des Campus (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft, Technik) unter Berücksichtigung des Standortes Neustadt heraus. Weiterhin wurde darüber diskutiert, die räumliche Nachbarschaft des wissenschaftlichen Exzellenzstandortes Weinberg Campus zu nutzen und den BildungsCampus Kastanienallee als mögliche Außenstelle für Forschung zu etablieren. Eigene Angebote für die Quartiersbewohner als auch die Gesamtbevölkerung von Halle wurden besprochen, wie beispielsweise die Einrichtung von offenen Werkstätten, Makerspaces oder Selbsthilfewerkstätten. Auch die Vorschläge, Räume für außerschulische Bildungsmessen, Gründungsvorhaben, Sprachkurse, Schülerfirmen und kulturelle Veranstaltungen bereitzustellen, stießen auf Begeisterung.

Aktionsfeld 2: frei.raum.mit.gestalten – Kreativwerkstatt

In der Arbeitsgruppe zum Aktionsfeld 2 frei.raum.mit.gestalten unter der Leitung von Ilka Bickmann von science2public e.V. wurde sich den Themen Partizipation, Integration und Transformation durch Kunst und Kultur im Quartier gewidmet. Ziel des Aktionsfeldes ist es, durch gemeinsame kreative und künstlerische Gestaltungsprojekte die Bevölkerung aktiv an ihrer Lebens- und Wohnumfeldgestaltung in Halle Neustadt zu beteiligen. In Kleingruppen wurden verschiedene Ideen für die drei Themenfelder des Aktionsfeldes diskutiert.

Ein Themenfeld setzt sich mit den Gestaltungsmöglichkeiten auseinander, die mittels Kunst am Bau oder durch Fassadengestaltung mit gekoppelten Beteiligungswerkstätten umgesetzt werden können. Die Teilnehmer*innen waren sich einig, dass eine Schärfung des Bewusstseins für Kunst im öffentlichen Raum zweifelsfrei notwendig ist. Das Flaggschiff dieser Mission bildet in diesem Zusammenhang die Freiraumgalerie, die 2017 unter dem Motto Ha:neo an drei unterschiedlichen Wirkungsorten (Muldestraße, Kastanienallee, Aralienstraße) in Neustadt präsent sein wird. Diese Wirkungsorte sind als Keimzellen der Resonanz und Identität zu begreifen, an denen nicht nur renommierte Künstler, sondern auch Bürger*innen künstlerisch tätig werden können und sollen. Neben einem hohen Maß an Partizipation diskutierten die Teilnehmer*innen das Konzept des Neo-Muralismus, nach dem bestehende Wandmalereien in dem künstlerischen Prozess erhalten und konserviert bleiben sowie neue Ideen, Flächen und Materialien einbezogen und berücksichtigt werden.

In einem weiteren Themenfeld fand ein reger Ideenaustausch über eine eigene Konzeptwerkstatt statt. Als Basisstation dient hierfür eine leerstehende Wohnung als Werkstatt im 11. Stock der Unstrutstraße 7, die vom Bauverein Halle-Leuna e.G. zur Verfügung gestellt wird. Ziel ist es, mit einer Gruppe an Partizipation erfahrener und interessierter Designer*innen, Architekt*innen und Künstler*innen Konzepte und Projekte für kreative Beteiligungsformate bei der Lebenswelt- und Wohnumfeldgestaltung zu formulieren.

In einem dritten Themenfeld diskutierten die Teilnehmer*innen das Feld Digitaler Urbanismus. In  Zusammenarbeit mit den Medien- und Kommunikationswissenschaften der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg will dieses Feld in studentischen Seminaren neue digitale Partizipationsmethoden für Stadtplanung und Lebensumfeldgestaltung genauer betrachten. Dabei soll u.a. die Effizienz urbaner Blogs, digitaler Communities und Plattformen gesellschaftlichen Engagements bei der Stadtentwicklung untersucht werden. Der Transfer von in anderen Städten gut funktionierender Web 2.0 und Social-Media-Angebote im Bereich der Stadtplanung und lokaler Mitbestimmung sollen für Halle geprüft werden. Insbesondere Jugendliche sollen in diesem Feld als Bewohner*innen von Neustadt erreicht werden. Im Ergebnis der Arbeitsgruppe zeigte sich der Bedarf an ausformulierten Konzepten für die Umsetzungsphase 3, die alle Felder zum Ende der aktuellen Planungsphase vorlegen werden. Als  Beiräte für das Aktionsfeld 2 erklärten sich im Anschluss an die Diskussion Guido Schwarzendahl, der Bauverein Halle-Leuna e.G., die Geschichtswerkstatt, Prof. Reimkasten von der Burg Giebichenstein und die Freiwilligenagentur Halle bereit.

Aktionsfeld 3: Innovationsquartier Muldestraße – Neue Wohnformen und lokale Ökonomie

 

Im Aktionsfeld 3 Innovationsquartier – Neue Wohnformen und lokale Ökonomie wurde das Innovationsquartier in der Muldestraße sowie das Konzept eines Innovationsquartier Living 4.0 thematisiert. Mit dem Fokus auf das Untersuchungsgebiet Weinberg Süd wurden zur Diskussion der einzelnen Aspekte des Aktionsfeldes drei Kleingruppen zu den Themen Leben – Neue Ideen für eine lebendige Großwohnsiedlung,  Wohnen – Wohnen in der Zukunftsstadt  und Arbeiten – Förderung lokaler Ökonomien gebildet.

In der ersten Themengruppe, in der sich auch Bürger*innen Halle-Neustadts stark einbrachten, ging   es um die Fragestellung, wie lebendige Quartiere befördert werden können. Auch die Frage, inwiefern sich ein ruhiges Wohnumfeld mit urbanen, lebendigen Quartieren vereinbaren lässt, wurde von den Teilnehmern/innen diskutiert.

Eine ähnliche Diskussion wurde auch in der Themengruppe 2 geführt, die danach fragte, welche Anforderungen und Zielstellungen für die Entwicklung der Brache in der Muldestraße essentiell sind. In diesem Zusammenhang wurde auch darauf verweisen, dass bei der Entwicklung neuer Wohnformen eine Orientierung an der künftigen Nutzergruppe beachtet werden sollte. Ein Teilnehmer wünschte sich für die zukünftige Konzeption von Wohnungsangeboten eine Orientierung an positiven, bereits existierenden Sanierungsbeispielen in Halle-Neustadt. Vertreter der jüngeren Generation äußerten hingegen den Wunsch nach unkonventionellen Ansätze, wie Tiny Houses oder Mikroapartments in Kombination mit urban gardening. Einen Konsens fanden die Teilnehmer jedoch darin, ein möglichst breites Spektrum an Wohn- und Nutzungskonzepten anzubieten.
Wie eng eine Verzahnung verschiedener Wohnformen sein darf, wie beispielsweise in Form von
Mehrgenerationswohnen blieb jedoch strittig. Auch kam der Wunsch nach Studentenwettbewerben auf, um der Frage nachzugehen, was Wohnungen der Zukunft zwischen Individualismus und Gemeinschaft leisten können müssen.

Doch nicht nur Wohnkonzepte wurden von den Teilnehmer*innen diskutiert. Auch Fragen zur Verkehrsberuhigung, Mobilitätskonzepte, Freiraumgestaltung sowie die Integration erneuerbarer Energien wurden thematisiert. Auch künftige Arbeitsformen und die Bedarfe der Industrie 4.0 sollen zukünftig untersucht werden. Hieraus sollen nicht nur Lösungen für das Areal um das ehemalige Finanzamt, sondern auch für eine enge Verzahnung von Wohnen und Arbeiten in der Muldestraße erarbeitet werden. Auch diskutierten die Teilnehmer*innen die Potentiale und Gestaltungsmöglichkeiten eines MakerSpace und stellten Überlegungen an, wie die mittel- und langfristigen Bedürfnisse von Gründer*innen in Neustadt in das Konzept integriert werden können.

Bei einem gemeinsamen Abendessen vermischten sich noch einmal Interessen, Ansichten, Einsichten der engagierten Teilnehmer*innen. Das Zukunftsstadt-Team war sich einig: eine großartiger Auftakt der Planungsphase, auf dessen Basis alle 3 Aktionsfelder nun konkret sehr gut weiter arbeiten können. Für das Bildungskonzept als auch Innoquartier werden in Kürze Ausschreibungen gestartet. Am 15. und 16.6. findet die nächste Zukunftstadt-Veranstaltung statt, die unter Teilnahme des Ministerpräsidentes des Landes Sachsen-Anhalt, Herrn Haseloff, sowie Oberbürgermeister der Stadt Halle Herr Wiegand der breiten Öffentlichkeit die Zukunftsstadtregionen auch noch einmal räumlich darstellen wird. Für ein gemeinsames Bürgerfest/ival am Abend werden jetzt schon Aktive aufgerufen, sich mit Programmpunkten rund um das Thema „Leben in Halle 2050“ zu beteiligen. Am Folgetag findet ein Fachsymposium statt, das vor allem nationale und internationale Expert*innen einlädt und den Wissenstransfer darüber für die Planungsphase erhöht.